Elfenbeinturm oder Irrsinn

13. Juni 2014 – 8:15

Damals, als ich mich nur in Büchern und auf Seminaren rumgetrieben habe, da war die Welt noch in Ordnung. Kritische Theorie, eine ordentliche Portion Skepsis. Ein schickes geschlossenes Weltbild mit Marx und Naturalismus im Mittelpunkt. Der Nachteil: In solchen Kreisen ist die Frage: “Was tun?” verpönt. Radikale Kritik allein sei schon Praxis. Blöd nur, dass für mich in diesem Zusammenhang nur die Position des Kritikkonsumenten übrig war. Elfenbeinturm eben.

Seit einiger Zeit bin ich mit Leuten unterwegs, die was machen. Und plötzlich tauchen Chemtrails auf, die FED ist das Übel der Welt, die außerdem von Reptiloiden regiert wird. Irrsinn, wie ich mit meiner Elfenbeinturmweisheit meine, der mir unheimlich viel Zeit und Energie raubt.

Daniel Kulla hat in einem Vortrag “Entschwörungstheorie - Niemand regiert die Welt” erklärt, warum das so ist. Seine Hauptthese, so wie ich sie verstanden habe, geht so: Es gibt Leute, die verstehen Gesellschaft als Verhältnis, das sich entwickelt, an dem alle beteiligt sind. Kapitalismus würde nicht funktionieren, wenn nicht so viele mitmachen würden. Linke denken so, ich finde das auch ziemlich schlüssig. Dann gibt es welche, die schreiben bestimmten Gruppen besondere Rollen zu – den Juden, den Ausländern, den Heuschrecken. So etwas ist in Deutschland etwa bei der Analyse des Faschismus verbreitet, wie Hannes Heer in seinem Buch “Hitler war’s” erklärt. Die Verschwörungstheorie treibt dieses Denken auf die Spitze. Die Verhältnisse, wie sie sind, könnten eigentlich gut sein. Aber es gibt Risse im System und diese Risse, diese Leerstellen werden mit geheimen Leerstellen gefüllt. Das hat den Vorteil, das man selbst nichts machen muss.

Na ja, jedenfalls bin ich aus dem Vortrag sehr entspannt nach hause gegangen, weil mir klarer geworden ist, welche Funktion Verschwörungstheorien haben. Sie machen das Leben leichter, machen das Weltbild rund. Vielleicht sind sie ja auch eine Art Gottesersatz. Und ich bin mit meinem marxistischen Halbwissen gar nicht so weit davon entfernt.


Noch mehr Lesekram

  1. One Response to “Elfenbeinturm oder Irrsinn”

  2. Prinzipiell richtig wiedergegeben, bis auf einen wichtigen und wohl weniger entspannenden Punkt: ich teile diese beschriebene ideologische Eskalation nicht nach verschiedenen Leuten ein, sondern würde sagen, daß das in praktisch allen Menschen immer in unterschiedlicher Form und unterschiedlicher Intensität anzutreffen ist und ständigen Veränderungen unterliegt.

    Erkennbar ist falsches Bewußtsein, von dem Rassismus und Antisemitismus ja nur Formen sind, an seiner häufigsten Alltagsäußerung: der Distinktion. Das heißt: sich als was Besseres vorkommen bzw. sich als Mensch vorkommen, der in relevanten Bereichen der Lebensführung und der Auffassung dem “richtigen Maß” entspricht.

    By classless Kulla on Jun 16, 2014

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