KommuneInfoTour

6. April 2014 – 9:09

Kommunetour in Halle
1. Teil Performativer Vortrag

  • Szene: Ein paar Leute lesen Zeitung über das Elend der Welt und Monsanto; Vermieter und Chef machen Stress – Lösung: Wir gründen eine Kommune.
    Im Prinzip hat mich diese Szene wieder daran erinnert, was mich an Gemeinschaft fasziniert: der Versuch den Zumutungen des Lebens im Kapitalismus solidarisch zu begegnen, die Aufhebung des Dualismus fremdbestimmter Lohnarbeit und geiler Freizeit.
  • Die Leute stellen sich vor: Kommunen wie Niederkaufungen und Olgas Hof sind vertreten und Leute aus dem Wendland. Die Gemeinschaften eint Gemeinsame Ökonomie und Konsensprinzip. Neu für mich waren die Vernetzungen: Beziehungen solidarischer Landwirtschaft und der Austausch von Arbeitskräften.
  • Szene zum Konsensprinzip: Die Kiste war schon immer gelb. Ein Neuer will, dass die Kiste rot gestrichen wird. Allerlei Totschlagargumente werden ausgetauscht. Der Kompromiss Orange wird verworfen. Mehrmals wird ein Schild über die Bühne getragen: “Stunden später” Brave empathische Menschen schalten sich ein und die Super-Win-Win-Lösung entsteht: Die Kiste bleibt gelb und erhält rote Kanten.
    Mich schreckte das nicht. 1000x besser als die hierarchischen Strukturen in der Schule oder das Hickhack mit Leuten, die der Meinung sind, Entscheidungsfindung sei Kampf.
  • Szene zur persönlichen Eingebundenheit des Einzelnen: Eine Frau tippert am Computer. Sie übernimmt dann noch das Abwaschen, weil sie drum gebeten wird. Sie tauscht noch einen anderen Dienst und verschwindet hinter einem Berg von Aufgaben. Dann kommt noch eine Frau und will so schnell wie möglich über einen Konflikt reden. Die Frau hinter dem Computer ist ziemlich eingekeilt. Aber es finden sich plötzlich für einige Aufgaben unkonventionelle Lösungen.
    Das ist eine Angst, die ich habe: Bin ich vielleicht ein Eigenbrötler, der die wuseligen Anforderungen so einer Gemeinschaft gar nicht auf die Reihe bekäme. Wäre ich souverän genug an den richtigen Stellen Ja oder Nein zu sagen?

2. Teil: Fragen und Diskussion
Vor der Veranstaltung hatte ich mir vorgenommen zu fragen, wie wichtig eine gemeinsame Vision für ein Projekt sei. Als ich aber dann die gemeinsame Vision der sich vorstellenden Gemeinschaften sah: nämlich den Widrigkeiten des Kapitalismus durch solidarisches Zusammenleben ein Schnippchen zu schlagen, da schien mir meine Frage lächerlich.

  • Frage: Wir sind in unserer Gruppe alles Kopfarbeiter und keine Handwerker?
    Antwort: Kauft Euch keine Ruine. Zieht 2 Jahre in Bauwägen. In Berlin gibt es eine Gruppe mit ähnlichen Problemen: ASK – Antifaschistische Stadtkommune
  • Frage: Wie ist das, wenn manche viel extern arbeiten und andere nicht?
    Die Antwort habe ich vergessen. Aber im Prinzip war es immer dieselbe Antwort: Aus unserer Erfahrung heraus regelt sich das ein. Und überhaupt, wieso besteht eine Wertigkeit zwischen externer Lohnarbeit, die Geld reinbringt und Kochen in der Gemeinschaftsküche.
  • Frage: In unserer Gruppe gibt es unterschiedliche Ansichten zur Gemeinsamen Ökonomie? Gibt es Mischformen, Übergangslösungen…
    Einer gibt eine Antwort, die natürlich zu den politischen Kommunen passt: Nein, Gemeinsame Ökonomie ist eine Grundsatzentscheidung. Vom OlgasHof kam eine differenziertere Antwort: Da gab es wohl allerlei Listen, die die Geldströme dokumentierten, aber irgendwie fanden sie dann dieses Erbsenzählen lächerlich.
    Und mir fiel die Reportage über Jahnishausen ein: wo jeder für sein Einkommen alleine zuständig ist und manche sind wohlhabend und die Neueinsteigerin die die mit ihrem ÖkoTrödel über die Dörfer tingelte, hatte gar keine Zeit für Gemeinschaft. Ich stelle es mir immer noch schwierig vor: Wie soll das gehen – eine Gemeinschaft von Leuten, die sich zu sehr unterschiedlichen Preisen verkaufen – und dann keine gemeinsame Ökonomie.
  • Frage: Nutzt ihr spezielle Methoden für eure Nichtorgaplena.
    Die Antwort war kurz und lief darauf hinaus, dass sich die unterschiedlichen Gemeinschaften jeweils was zusammengezimmert hätten. Einer verwies auf Radikale Therapie und Gewaltfreie Kommunikation. Intensivzeiten wurden genannt und externe Mediation. Ich fand die Antwort etwas dürftig, aber sie war so zu erwarten. In guter alter Basis-Überbau-Tradition klären politische Gemeinschaften die ökonomische Basis, der Rest kommt von selbst. Die spirituellen Gemeinschaften machen es genau umgekehrt. Beides scheint mir zu einseitig.

3. weitere Splitter

  • In einem Nebensatz kam zur Sprache, dass die eine Gemeinschaft mit 850€ pro Person auskäme. Ich dachte sofort bei mir: Ich finde meine Arbeit momentan gar nicht so bescheuert, nur halt ein bisschen viel. Wenn ich auf 50% reduzieren würde, dass wäre so das richtige Maß für mich, ich hätte Zeit für die Gemeinschaft und würde mit meinem Einkommen immer noch Leute alimentieren, die weniger anschaffen.
  • Die Gemeinsame Ökonomie war natürlich immer wieder Thema. Und wie das Leben damit für alle Beteiligten ein Lernprozess gewesen sei. Die eine Frau meinte, dass wir alle aus einer Position kämen: “Mein Geld ist meine Freiheit.” Das Neue: “Unser Geld ist unsere Freiheit”sei aber viel stärker und schöner.
  • Faulheit sei kein Thema. Das Problem, dass sich jemand auf Kosten der anderen durchschlauche gäbe es nicht. Eher das Gegenteil. Ob das menschlich oder deutsch ist?
  • Immer wieder: Nein wir rechnen nicht auf, wie viel jeder arbeitet, wie viel jeder verdient. Das ist genauso wie in einer Familie. Das ist das, was mir am Radieschen so gefällt, das wir da (noch?) ohne Erbsenzählen auskommen oder das Schwetschkestraßenfest mit seiner Crowdfund-Finanzierung oder der Umsonstladen.

Alles in allem habe ich an diesem Abend nicht viel Neues gelernt und bin doch immer noch emotional aufgewühlt, weil die Leute von der Kommunetour genau auf den Punkt gebracht haben, was mich eigentlich umtreibt.

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