Gewerkschaften und Gemeinschaften

18. Januar 2014 – 22:21

Es gibt aus den 50ern ein Büchlein von Frank Tannenbaum: Eine Philosophie der Arbeit. Darin heißt es:

Die Trennung von Leben und Arbeit, die als Ursache vieler unserer Schwierigkeiten angesehen werden kann, wird vom Liberalismus widerspruchslos hingenommen. Das erklärt wohl auch, warum es nicht gelungen ist, eine unsere Zeit befriedigende Theorie zu entwickeln. Man glaubt, daß die gute Gesellschaft auf ökonomischen Motiven begründet werden kann. Diesen Gedanken haben der freie Wettbewerb der Ökonomisten wie auch die klassenlose Gesellschaft der Kommunisten gemeinsam. … Doch ist gerade das Grundübel unserer industrialisierten Gesellschaft, daß für sie Geld und Lebensziel identisch geworden sind.
Wenn Geldbesitz das Endziel aller unserer Anstrengungen ist, dann bedeutet Geldmangel vollkommenes Versagen, denn ohne Geld ist nichts zu haben, nicht einmal der nackte Lebensunterhalt. Das ethische Ungenügen des Industrialismus liegt darin, daß er „einen guten Lohn“ an die Stelle eines guten Lebens gesetzt hat.

Die Gewerkschaft versucht, diese Lücke zwischen dem guten Leben und der Arbeit für Geld zu überbrücken, die bei der Zerstörung der einstigen innerlich zusammenhängenden Gesellschaft entstand, wodurch der Mensch zu einem isolierten Individuum wurde, das als „Arbeitskraft“ gemietet und in bar bezahlt wird. Ihr Interesse an den detaillierten Beziehungen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber hat die Gewerkschaft davor bewahrt, sich irgendeiner allgemeinen Formel zu verschreiben und hat Anlaß dazu gegeben, daß die Ökonomisten, Liberalen und orthodoxen Marxisten eine echte Bedeutung der Gewerkschaften ableugnen. Ökonomisten und Liberale sahen die Gewerkschaften als eine Bedrohung ihrer Wettbewerbsharmonie an; die Kommunisten glaubten andererseits, daß sie sich die Kontrolle über die Gewerkschaften sichern müßten, damit diese sich nicht als Hindernis auf dem Wege zur Revolution erweisen könnten, die alle Ursachen des Bösen beseitigen und damit den Himmel auf Erden schaffen soll.

Wenn ich meine, mich nach Gemeinschaft zu sehnen, dann geht es mir bestimmt auch um diese Aufhebung der Trennung von Arbeit und Leben, das, was bei Marx Entfremdung heißt. Und Kommuneexperimente egal ob Urchristen, Monte Verita, Jahnishausen, Niederkaufungen oder mein jeweiliges aktuelles Projekt – sie alle sind Kondensationskerne für etwas Neues, lokal wie Gewerkschaften oder eine Neuerung in der (R)Evolution. Keine Aussicht auf den Stein der Weisen, die allgemeingültige Lösung, den Königsweg.

Freundlich-melancholische Weisheit: Was mich vom Wurm unterscheidet – da gibt es immer mal Mutationen, dann wachsen dem Wurm Gliedmaßen, daraus werden später Flügel oder Hände. Das Leben prüft, ob die Mutation was taugt. Mit meinem Bewusstsein und meiner Fähigkeit zu planen kann ich mir Mutationen der gesellschaftlichen Kooperation ausdenken und lokal in die Tat umsetzen. Das Leben prüft, ob die Mutation was taugt und überlebt.

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