Knochen Gucken

13. Januar 2014 – 18:54

im Landesmuseum für Vorgeschichte:

  • Die Vertreibung aus dem Paradies vor 8.000 Jahren mit der Erfindung des Ackerbaus
  • Ganz oft steht da: Die Leute hätten Karies gehabt mit Abszessen runter bis auf den Knochen: Was bedeutet es, wenn massenhaft Leute mit chronischen Schmerzen rumlaufen?
  • Eine junge Frau, Anfang 20, hatte ein schweres Leben: verheilter Ermüdungsbruch eines Halswirbels, verheilte Schädelverletzungen, verheilte gebrochene Hand, gestorben mit einem gebrochenen Unterkiefer, der Leichnam mit Bissspuren von Hunden.
  • Bei vielen Beerdigungen wurde sehr viel mit ins Grab gepackt und es wurde sehr viel Keramik zerschlagen
  • Es gab Gräber mit Grabbeigaben und es gab Skelette in Gruben mit Hausmüll
  • Eine Zeittafel, die zeigt, dass sich auch vor 5.000 Jahren alles ständig veränderte

Und wie immer in solchen Ausstellungen wird der Boden unter meinen Füßen ganz weich – oder eher die Fundamente meiner Überzeugungen. Die fanden das also damals wichtig, nützlich, üblich, … Tote zu bestatten, dann den Schädel rauszuholen und drei Meter weiter wieder zu bestatten oder Leute mehrmals zu töten oder 4 Frauen und 5 Kinder gemeinsam zu bestatten. Sonne und Mond waren schon alles mögliche. Der Streit um die Natur des Lichts, um die Natur des Menschen. Und immer letzte Wahrheiten – so isses, weil es Ahnen oder Wissenschaft vorschreiben.

Mir kommt mein sokratisches Gespräch ins Gedächtnis: Der Mensch ist das, was er geworden ist — und was er werden kann. Und das Gewordene: Da stecken die zu Überzeugungen gewordenen Lernprozesse drin: Das Verhältnis zu Gott, zum Töten, zur Wirksamkeit oder Nichtwirksamkeit von Schutzimpfungen.

Der schmale Grat zwischen kulturrelativistischer Beliebigkeit und Dogmatismus. Der schwierige Umgang mit dem vorläufigen Charakter von Wahrheit. Hilft der vierte Weg?

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