Ambivalenz

7. Juni 2013 – 7:47
  • Dank an Halles Fluthelfer:
  • Mein regionaler Ministerpräsident dankt für ein “Engagement, dass er so noch nicht erlebt hat.” Eigentlich gruselig, dass er nicht weiß, wie seine Leute ticken und wohl in Vorurteilen über eine verdorbene Jugend gefangen ist.
  • Meine Heimatzeitung feiert die Generation Gummistiefel:

    Weiter geht es ja schon seit Sonntagabend, als der erste Hilferuf durch die sozialen Netzwerke rauschte. Am Gimritzer Damm, den die Fluten der Saale zu überspülen drohten, fanden sich binnen kurzer Zeit mehr als hundert Menschen ein, um zuzupacken. Junge und noch jüngere waren es zumeist. Nicht nur Jungen, sondern auffallend viele Mädchen standen in den langen Reihen, durch die tausende Sandsäcke zu den bedrohten Schwachstellen wanderten. Seitdem ist das Helfen an der beständig vorrückenden Hochwasserlinie zu einer Massenbewegung geworden. Wo Sonntag noch hundert Helferinnen und Helfer standen, waren es am Montag schon mehr als tausend. Am Dienstag schließlich überrollte die Welle der Hilfsbereitschaft die Organisatoren von der Stadt. An den Sandsack-Füllstationen drängten sich Tausende, auf der Suche nach Brennpunkten, an denen noch zupackende Hände gesucht wurden, pilgerte ein schier endloser Zug aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch die Straßen.

    Es gibt keinen Streit, keine Diskussionen, kein böses, ja nicht einmal ein lautes Wort. Die natürliche Autorität von Uniformen ist allgemein akzeptiert, die Stimmung irgendwo zwischen Ernteeinsatz, Klassenfahrt und Fußball-Endspiel. Es wird gescherzt, die Leute helfen einander.

  • Und ich habe auch so Sandsäcke weitergereicht: Die perfekte Einheit von Körper, Geist und Seele. Eine ganz elementar sinnvolle Sache.

Aber. Das war 2002 Jahren haargenauso. “Die Leute” – vor allem die jungen – sind nicht kaltherzig, garstig und egoistisch. Es gibt Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Aber nur im Extremfall schlagen diese Gefühle in Aktivität um. Warum ist es so verdammt schwer, dass sich massenhaft viele nachhaltig, solidarisch mit der gesamten Schöpfung verhalten, sobald die Verhältnisse scheinbar wieder normal sind. Warum fallen mir Wörter wie Heimatfront und Trümmerfrauen ein.

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