Das Buch in dem die Welt verschwand

18. Februar 2010 – 8:13

von Wolfram Fleischhauer:

»Eine Magd war in einen Nagel getreten«, begann Nicolai. »Die Wunde war klein. Dennoch wurde sie eitrig, und ein böser Fluss setzte ein. Offenbar hatte der Schreck oder der Schmerz der Verwundung im Körper der Magd dazu geführt, dass ein Krampf eine Verhärtung von Schleim oder Blut bewirkte, das sich nun staute, stockte und faul wurde. Die Wunde war als
Ausgang zur Ableitung dieser Fäulnis zu klein. Ich gab also abführende Mittel und türkischen Rhabarber, um die Säfte in die Beine zu treiben. Außerdem schnitt ich die Wunde auf, um mehr Eiter auszulassen. Aber es half nichts. Der Fuß begann zu schwären. Die Öffnung war zu gering. Daher ließ ich mehrfach zur Ader, um ausreichend Fäulnis aus dem Körper ablassen zu können. Aber es war zu spät. Die Säfte stockten mehr und mehr, der Fuß wurde schwarz, und die Magd starb.«

Der Autor stellt auch an anderen Stellen das medizinische Weltbild des späten 18. Jh. nach. Ein festgefügtes Gebäude aus Begriffen und Grundannahmen aus denen allerlei Schlussfolgerungen und Therapievorschläge folgen. Dann gibt es Leute, die sind in diesem aus heutiger Sicht putzigen System fest verwurzelt, andere zweifeln, machen noch schrägere Vorschläge, wieder andere zweifeln und grübeln in eine Richtung, wie wir heute die Welt sehen.

Aber diese Therapiebeschreibungen bewegten mich aus ganz aktuellem Ansatz. Sie erinnern mich an die heutigen Versuche die Welt zu erklären – wieder mit festgefügten Begriffssystemen und Grundannahmen. Wir hantieren täglich mit hochkomplexen Konstrukten: der Staaat, die Psyche, das Gefühl, der Gedanke.  Wenn mit diesen schwammigen Begriffen ebenso sicher umgegangen wird, wie mit dem Fallgesetz oder der Kugelgestalt der Erde, dann bleibt dieses Denken vor der Aufklärung stehen, ersetzt Gott und faule Säfte durch einen Vulgärmaterialismus, der jegliche Zweifel und erkennbares Nichtwissen ausblendet.

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