Ossischelte von den Bahamas
13. Mai 2012 – 19:13Vortrag und Diskussion mit Jan-Georg Gerber und Mario Möller
Es ist alles andere als ein Zufall, dass sich der „Nationalsozialistische Untergrund“ in Jena gründete und sich im Landstrich zwischen Ostsee und Erzgebirge pudelwohl fühlte. Während in der alten Bundesrepublik die Präsenz der Westalliierten die Westbindung Konrad Adenauers forcierte und zumindest oberflächlich ein Zivilisationsschub stattfand, wurde in der nestwarmen Nischengesellschaft der DDR jener unheimliche Gemeinschaftsgeist konserviert und weiter kultiviert, der den Nationalsozialismus zur Massenbewegung werden ließ. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die Zonis auch mehr als zwanzig Jahre nach der Wende von der Vorstellung beherrscht werden, sie stünden für menschliche Wärme, Nähe und Geborgenheit, wohingegen den als Kolonisatoren wahrgenommenen arroganten „Wessis“ soziale Kälte, Egoismus und Unpersönlichkeit zur Last gelegt werden. In Abwehr dessen gleicht der Osten einer Trutzburg, wo kollektiv die eigene Opferrolle beschworen und reproduziert wird; wo man sich beständig verfolgt oder betrogen wähnt; wo jedes individuelle Unglück als Angriff einer äußeren Macht auf das eigene Kollektiv halluziniert wird. Wer also den Entstehungsbedingungen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ auf den Grund gehen will, hat dementsprechend weniger über Nazistrukturen, die NPD oder „braune Häuser“ zu sprechen. Er müsste vielmehr das im Wortsinn national-sozialistische Erbe der DDR und die Partei, die den Osten wie keine andere Größe prägt – und in der sich all das, was die Zone so eklig macht, wie in einem Brennglas verdichtet –, in den Fokus rücken: die Linkspartei.
Ziemlich garstig. Aber doch, das kenne ich gut. Dieses undialektische Schwarz-Weiß. Wir die Guten, Braven, Doofen, Betrogenen – Die, die Bösen, die da oben, die Verschlagenen, die Gerissenen. Aber ob das typisch ostdeutsch ist?